Zwölf Menschen im Raum des wüsten Seins im März 2024.

Die diesjährige Reise in die Wüste entspricht dem Betreten eines altbekannten Neulandes. Alt bekannt sind unsere Wünsche nach Nähe und Liebe zu uns selbst. Diese liebende Nähe ist geprägt von der Erinnerung an eine elementare Geborgenheit im Sein unseres Lebens. Dieses Sein ist ohne Erwartungen und daraus folgenden Enttäuschungen. In unserem scheinbar vertrauten Leben in Beziehungen, Arbeit und Selbstverwirklichungen überwiegen jedoch die Anstrengungen, Erwartungen zu erfüllen. Die darauf folgende Enttäuschung ist uns bekannt. Sich aus diesem Kreislauf zu lösen ist genau damit gemeint: wenn Du in die Wüste gehst, weißt Du auch warum.


Die Abwendung von Erwartungen im Aussen, die Loslösung von gewöhnlichen Strukturen laden genau dazu ein.

Altbekanntes Neuland ist genau das: die Erinnerung an das, worum es mir in meinem Leben geht: Zugehörigkeit, Geborgenheit und Verwirklichung meines wesentlichen Anliegen in dieser Welt: Zu sein, wer ich in Wirklichkeit bin. Um dies zu erleben, es zu erfahren und in mein konkretes Leben zu erinnern gelingt, indem wir uns einem scheinbar unbekannten Aussen nähern, es anzunehmen und zu durchschreiten.
In der zurückliegenden Wüstenzeit ist es uns als Einzelwesen in wechselseitigem Sein mit anderen reisenden gelungen. Zwei wesentliche Erkenntnisse sind in lebendige Erfahrung gemündet:

1. Alles geschieht in wechselseitiger Selbstregulierung.

2. Es gibt keine Zeit, es gibt nur Bewegung.

Alles geschieht in wechselseitiger Selbstregulierung.

Betreten wir einen uns nicht vertrauten Raum, erleben wir zunächst Neugier, dann Verunsicherung und deren Wandlung in Einverstandesnein. In der Begegnung mit der Welt der „Berber“ in Südmarokko ist alles unbekannt, unvertraut. Das Licht, die Landschaften des Atlasgebirges, die Art zu reisen, die Atmosphäre des Anderen ist uns vertrauten Dingen wie Trinken, Essen, Kleidung etc unbekannt. Das kann auch kein einmal gesehener Film, keine Doku ersetzen. Die uns begleitenden und für das Catering zuständigen Guides, die Dromedare und deren Charme sind uns neu. So greifen wir auf scheinbar Vertrautes zurück: Ich gleiche mich ab, indem ich vergleiche.

Nach und nach lasse ich es sein und öffne mich dem, was jetzt ist: Atmen, stehen, losgehen und ankommen. Das erscheint einfach, doch es braucht Zeit, sich darin einzufinden. Und dann geschieht es: Es reguliert sich, ich erlebe mehr und mehr Vertrautsein, mehr und mehr Miteinander, mehr und mehr die erwähnten Räume von Geborgenheit; in der Weite und Wildnis der Steinwüste, im tragenden Licht am Tag und bei Nacht in der Sandwüste.

Alles reguliert sich: der Rhythmus des Atmens, des Gehens, der Nahrungsaufnahme und deren Verdauung – ich erlebe den anderen als Nahrung für meine Reflexion, ich verdaue die mir entgegenbrachten Zuwendungen. So erinnere ich mich nach und nach an das, warum ich in die Wüste gehe: Tiefstes Einverstandensein mit dem, was ist. Und das schließt alles und jeden mit ein; die Berberfreunde, die Tiere, die Natur und all jene Menschen, die mit uns nahe sind und mitgehen, weil sie diese Reise auch begleiten – all die Lieben in unserem Leben.

Es gibt keine Zeit, es gibt nur Bewegung.

24 Stunden täglich draußen, Tag wie Nacht. Ich verliere das Datum, den Kalendertag. Gleich ob Sonntag oder Freitag oder dazwischen: ein Tag beginnt mit dem Licht des Morgengrauens, der Sonne und dem, was folgt; aufstehen, meine Sachen einsammeln, das Übergeben all dessen an die Guides und die tragenden Dromedare. Dann mit mir gehen mit den Anderen, die immer weniger anders als ich werden. Ein Miteinander, ein Ineinander entwickelt sich. Die Gabe der Geborgenheit füllt den Raum eines gemeinsamen Vertrautseins. Bedürfnisse, Interessen und Handlungen werden immer synchroner. Es gibt nur noch diesen Moment; den mit mir, den mit den scheinbar Anderen, mit der wunderbaren Natur…

Und dann die Nacht, weit und offen im freien Himmel einschlafen, die Sternenwelt als Reflektor eigener Unendlichkeit und ich erlebe in dieser unendlichen Weite Geborgenheit – auch inmitten den Nacht. Nichts ist eng, es gibt keine Distanz. Alles ist nah wie weit. Das ist meine Heimat, ein altbekanntes Neuland: Zeitlose Bewegung in Begegnung, mit dem, was ist. Diese innere Haltung ist das, was ich mitnehme in mir nach Europa, dem Land der Zeittaktung, fortwährender Entscheidungen für die Sorge um das Leben. Danke an die Wüste, Danke Euch, die ihr mit wart und Teil meines Lebens geworden seid.